Kommt ein Weltstandard für Gästeführer? Was die neue ISO-Initiative bedeutet

Am 16. Mai 2026 ist bei der Vollversammlung des ISO-Komitees TC 228 in Hangzhou etwas passiert, das in unserer Branche bisher kaum Beachtung gefunden hat: Die WFTGA hat gemeinsam mit dem japanischen Normungsinstitut JISC den Vorschlag für eine neue Arbeitsgruppe eingebracht, Titel „Tourism and related services – Tourist guide services – Recommendations“. Projektleitung sind Rina Yoshikawa für JISC und Ivana Ćuruvija für die WFTGA. Die erste Sitzung der Arbeitsgruppe wird nach derzeitigem Stand für Ende 2026 erwartet (Quelle: WFTGA).

Warum ist das relevant? Weil der vorgeschlagene Rahmen weit über Begriffsdefinitionen hinausgeht. Er umfasst unter anderem Kompetenzanforderungen, also Wissen, Fähigkeiten und interkulturelle Kompetenz, dazu Gruppenführung, Technikeinsatz, Gesundheit und Sicherheit, Schutz des kulturellen Erbes, Nachhaltigkeit sowie Ausbildung, Qualifizierung und kontinuierliche Weiterbildung.

Was es bisher gibt, und was fehlt

Der bestehende europäische Bezugspunkt ist die EN 15565. Sie stammt aus dem Jahr 2008, ist seither nicht überarbeitet worden und beschreibt Ausbildung vor allem über den Umfang: 600 Stunden. Das ist eine Input-Größe. Sie sagt, wie lange jemand in einem Kursraum saß, aber nichts darüber, was diese Person danach kann. Dazu kommt, dass die Norm kostenpflichtig ist, was bedeutet, dass die meisten Kolleg:innen sie nie gelesen haben.

Es lohnt sich, zum Vergleich in eine benachbarte Branche zu schauen. Für Adventure-Guides existiert seit 2020 die ISO 21102, und sie ist genau andersherum aufgebaut: Sie beschreibt Kompetenzen und deren Nachweis, nicht Stundenzahlen. Genau diese Logik fehlt unserem Berufsfeld bislang.

Die Frage, die ich für die entscheidende halte

In der Diskussion um Standards wird meist über Zugangshürden gestritten. Ich halte eine andere Frage für wichtiger, und sie beschäftigt mich seit Jahren in jedem Lehrgang: Was ist das Minimum, das wirklich alle beherrschen sollten, unabhängig davon, ob sie eine Stadt, ein Museum, eine Kirche, einen Weinberg oder einen Wanderweg vermitteln?

Nach meiner Erfahrung ist das überraschend wenig Fachwissen und überraschend viel Handwerk. Eine Gruppe sicher führen. Verständlich sprechen, auch wenn es laut ist. Eine Dramaturgie aufbauen, statt Fakten aneinanderzureihen. Mit Widerspruch, heiklen Themen und unterschiedlichen Kulturen umgehen. Wissen, wo die eigene Kompetenz endet. Rechtlich und wirtschaftlich sauber aufgestellt sein. Und, ja, die eigenen Grenzen kennen, gerade bei Hitze, Ermüdung und Druck.

Das Fachwissen kommt danach, und es kommt in aller Regel von woanders: von Historiker:innen, Kurator:innen, Ökolog:innen, Winzer:innen, den Menschen vor Ort. Diese Trennung zwischen dem gemeinsamen Handwerk und dem fachlichen Spezialwissen halte ich für den Schlüssel zu einem Standard, der international funktioniert, ohne überall dasselbe vorzuschreiben.

Was das für die Praxis bedeutet

Ein ISO-Prozess dauert Jahre. Wer aber jetzt anfängt, seine Ausbildung an Kompetenzen statt an Stundenzahlen auszurichten, steht am Ende nicht vor einem Umbau. Genau daran arbeiten wir: Unsere Kurse sind modular aufgebaut und auf einzelne, beschreibbare Fähigkeiten zugeschnitten, statt auf einen Block, den man einmal absolviert und dann abhakt.

Ich begleite das Thema als Präsident der WFTGA weiter und werde hier berichten, sobald die Arbeitsgruppe steht. Wer die Entwicklung mitverfolgen oder mitdiskutieren will, ist herzlich eingeladen, sich zu melden. Und wer sein eigenes Handwerk unabhängig davon auf ein solides Fundament stellen möchte, findet den Einstieg im Lehrgang zum Fremdenführer und in der Gästeführerausbildung.